Ist der (Schmerz)-Patient noch zu retten?


Das Leben beginnt mit Schmerzen und endet auch meist so. Dazwischen gibt es ein Auf und Ab der Schmerzen.

Der Körper schützt sich selbst vor starken Verletzungen mit einem Reflex. Wenn z. B. die Nadelspitze in die Haut eindringt, wird ein Reflex ausgelöst, das heißt wir zucken automatisch zurück. Ansonsten würde die Nadel tief ins Fleisch eindringen und zu schweren Gewebeverletzungen führen.


Da wir aber gelernt haben zu bewerten, sehen wir den Nadelstich als nicht so schlimm an, wie z. B. ein Beinbruch.

Wann ist der Schmerz also noch gesund und wann ist er als krank anzusehen. Die Mediziner sprechen bei dem „Akutschmerz“ von einer Warnfunktion. Nur vor was warnt er?
Es warnt vor der Erfahrungssache Schmerz. Wenn jemand einen heißen Topf bei 80° Celsius noch anfassen kann, wird sich jemand anderes daran verbrennen. Die Warnfunktion ist immer die selbe, die Handlung, auf Erfahrung basierend, eine andere. So stellt sich die Frage wann ein Schmerz, ein Schmerz ist?
Der Schmerz ist also nur eine elektro-bio-chemische Funktion des Nervensystems, den wir gelernt haben zu bewerten. Ein so genanntes Aktionspotenzial. Nerven können nur den Druck, chemische Veränderung und Temperatur melden. Wir bewerten auf Grund unserer Erfahrung, wie gefährlich dieses für uns ist.

Wenn man den meisten Medizinern etwas über seinen Schmerz mitteilt, haben sie eine Ahnung, eine Vorstellung, eine Illusion über den Schmerz und vergleichen ihn vielleicht mit ihrer eigenen Erfahrung und teilen dieses dem Patienten mit. Fachlich gelernt haben sie in ihrem Studium fast nichts über den Schmerz.
Ansonsten würden sie den Schmerz sofort lindern, denn sie haben in ihrem Studium gelernt, dass Nervenzellen durch ständiges Training, die so erlernte Funktion immer besser beherrschen. So wie beim Schreiben lernen, Rechnen lernen, Essen lernen oder Schlittschuhlaufen lernen.
Beim Essen lernen, fangen wir mit dem ersten Löffel an, der den Brei im ganzen Gesicht verschmiert. Durch ständiges wiederholen, lernen wir dass wir es schaffen sogar mit geschlossenen Augen, den Mund mit dem Löffel oder anderem Besteck, zu treffen ohne uns zu verletzen.
Wenn ich mit dem Training aufhöre und eine lange Zeit das Essen mit Besteck nicht mehr übe, werde ich Probleme bekommen, perfekt mit dem Besteck zu essen. Übe ich es dann wieder, geht es sehr schnell, das einmal gelernte wieder abzurufen.
Genau so verhält es sich mit dem Schmerz. Der gut eingestellte Schmerzpatient, wird wieder an Schmerzen leiden wenn er sich nicht richtig verhält und wieder anfängt über seine Schmerzgrenze zu gehen.
Einmal gelerntes ist immer im Hintergrund vorhanden, auch wenn man es mit einem anderen Verhalten überlagert wird. Das ist das größte Problem der Schmerzpatienten.
So wie er etwas unter Schmerzen ausübt, trainiert er seine Nervenzellen.

Moralisch ist das Verhalten vieler Mediziner verwerflich, da wir in einer Welt der Gesundheit leben. Es gibt eine Gesundheitskasse, ein Gesundheitssystem, eine Gesundheitsindustrie usw. und wer Vorsorge trägt wird nicht krank. So jedenfalls die Darstellung.
Also ist der Kranke, der Gesunde. 1984 lässt grüßen und so verwundert es nicht, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, wir einen Gesundheitsminister haben der sich um Kranke kümmert und Mediziner, die mehr Geld verdienen müssen um bessere Medizin zu machen.
Die Krönung sind dann die Rehabilitations-Einrichtungen, die die Menschen wieder „voll leistungsfähig“ machen, zumindest bescheinigen sie dieses.

Auf Grund dieser Irreführung gehen die Menschen zum Arzt, der sie wieder „heile“ machen soll. Das kann aber kein Arzt, sonst wäre er ein Heiler und die die sich Heiler nennen können es auch nicht. Nur der Mensch, die Natur, kann sich selber heilen.
Wenn sie sich schneiden, müssen sie nicht aktiv an den Verschluss der Wunde denken. Der Körper „repariert“ bzw. heilt sich selbst. Er schließt die Wunde, sorgt dafür dass keine Fremdkörper eindringen können, entfernt Fremdkörper die schon drin sind und produziert neue Haut unter dem Wundmal.
Was der Patient braucht ist Unterstützung, damit er versteht, was er machen muss. Hierfür benötigt er Wissen, da sonst jeder machen kann was er will ohne dass der Patient die Möglichkeit eines Einspruches hat, denn er muss entscheiden!
So gesehen müssen wir wieder zum Gespräch kommen, denn der Mediziner weiß nicht was der Patient hat.

Der Mediziner muss es erfragen um dann eine Diagnose stellen zu können. Der Patient braucht eine Prognose, denn mit der Diagnose kann er meist nicht anfangen aber er benötigt eine Anleitung für die Zukunft.
So kann der Arzt z. B. den Schmerz mit Medikamente lindern und der Patient muss einen Weg für die Zukunft finden, damit er nicht immer wieder den starken Schmerz auslöst. Hierfür benötigt der Patient professionelle und halbprofessionelle Unterstützung. Muss er sein Verhalten ändern kommt die Verhaltenstherapie ins Spiel und für die Förderung der Beweglichkeit, der Physiotherapeut. Für seine besondere Lebenslage ist der Besuch einer Betroffenen-Gruppe dringend notwendig.
Die Diagnose nütz ihm nichts. Wenn der Mediziner ihm sagt, dass er einen Diskusprolaps kann er diesen nicht von einer Diskusprotrusion unterscheiden. So weiß er auch nicht wie er sich verhalten muss, wenn das Eine oder Andere hat und was es für Möglichkeiten gibt dieses zu lindern.
Hier ist er auf Information angewiesen, die Zeit benötigt, die der Mediziner heute nicht hat bzw. ihm nicht bezahlt wird. Was nicht bezahlt wird, ist anscheinend keine Medizin.
Viele Therapeuten können bis heute eigentlich nichts mit dem chronischen Schmerz anfangen.

Auf der anderen Seite ist er natürlich ein gern gesehener Gast in der ärztlichen Praxis, sichert er doch das Einkommen der Mediziner mit seinen regelmäßigen Besuchen der Praxis.
Hier muss der Schmerzpatient aktiv werden. So müssen wir Schmerzpatienten, eigentlich alle Kranken, sich auf den Weg machen, sich die Information zu besorgen, die sie benötigen.
Diese kann durch Betroffen-Gruppen passieren, die ins medizinische System eingebunden sind.

Gut ausgebildete Gruppenleiter können so den Schmerzpatienten, im Verbund mit den Gruppenmitgliedern, den nicht Informierten, Informationen geben, die ihn den Umgang mit seiner Krankheit unterstützen.
Darüber hinaus, müssen die Betroffenen die Gesellschaft aufklären. Eingebunden werden sollten auch die Personen aus seinem Umfeld.
Der Schmerz erfasst die Familie und das gesellschaftliche Umfeld. Die Isolation, in der viele Schmerzpatienten leben ist das Produkt der Desinformation.
Zu dem Schmerz, als Aktionspotenzial, kommt immer die psychische Beeinträchtigung. Der Schmerz, die Androhung von Schmerz, Schlafentzug werden so als Instrumente bei der Folter beschrieben. Was er im vollen Umfang mit dem Betroffenen anrichtet ist heute noch gar nicht erfasst. So ist es nicht verwunderlich, dass Schmerzpatienten häufig an Depressionen, Angsterkrankungen und Panikattacken erkranken. Hier werden dann diese Erkrankungen als Ursprung des Schmerzes gesehen. Ein fataler Irrtum.
Niemand kann den Schmerz des anderen nachfühlen. Sehr wohl kann man aber verstehen was der Schmerz mit dem Menschen macht. Genau so ist das Verhalten unter Schmerzen verständlich und fast immer das gleiche Muster.
Hier ergeben sich Ansätze in der Betroffenen-Gruppe um den Schmerz zu verstehen.

Problematischer ist es bei Kopfschmerz – oder Migränepatienten. Da sie den Schmerz am Ort des Geschehens habe, verstehen sie oft nicht, dass sie „chronisch Schmerzkrank“ sind und die selben Probleme wie z. B. ein Rückenschmerz- oder Knieschmerz-Patienten haben.

Reiner Glissmann März 2011

...wird fortgesetzt